P.I.T.A. – Das Social Relationship Credit System

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Wir kennen „Social Credit Systems“ bislang nur aus China. Dabei leben wir alle in einem System, das bei zwischenmenschlichen Beziehungen sehr ähnlich funktioniert.

Unsere letzte Reise brachte uns nach Amsterdam, wo wir das TriPPPle kennengelernt haben. Dieses Mal reisen wir in die USA, nach New York City. Mein Publikum ist überschaubarer und das Bier tatsächlich besser. Ich sitze mit der Geschäftsführung der US-Niederlassung in einem mexikanischen Restaurant in Manhattan. Obwohl man sich fest vorgenommen hat an diesem Abend nicht über die Arbeit zu sprechen, bedarf es nur 0.317 Margarita und wir sind, wenig überraschend, beim Thema Arbeit angelangt.

Unser Vice President für Sales & Marketing bemängelt die fehlende Höflichkeit eines Mails aus der Konzernzentrale an ihr Team. Da ich den Mailverlauf bereits kenne und mir bewusst ist, dass es sich nur um eine Kleinigkeit handelt, zeichne ich auf eine Serviette einen Smiley, in jede Ecke einen 1er, und lege sie vor ihr auf den Tisch.

„Linda, wenn du möchtest, dass wir uns dem Thema annehmen, kostet dich das ein ‚Pain-In-The-Ass Ticket‘, und das nicht nur bei mir.“

Das Pain-In-The-Ass Ticket (P.I.T.A. Ticket)

Es gibt viele Studien, die sich damit befassen, wie Netzwerke und zwischenmenschliche Beziehungen entstehen. Das betrifft sowohl Beziehungen einzelner Personen zueinander, als auch soziale Netzwerke und Systeme allgemein. Wer sich damit vertiefend beschäftigen möchte, sollte das Buch „Social Network Analysis“ von Stanley Wasserman und Katherine Faust lesen. Auf der rein zwischenmenschlichen Beziehungsebene arbeitet man zum Teil mit standardisierten Fragebögen. „Revised Dyadic Adjustment Scale“ (RDAS), spucken einen Wert aus und versuchen so die Qualität einer Beziehung (z.B. einer Ehe) in Zahlen zu messen.

Die Idee des P.I.T.A. Ticket geht in eine ähnliche Richtung, jedoch mehr metaphorisch. Sie soll das Gegenüber dazu anregen, die Auswirkungen des eigenen Verhaltens besser zu verstehen, ohne jedoch einen wissenschaftlichen Anspruch zu stellen.

Nehmen wir an, dass wir mit allen Menschen, mit denen wir interagieren, ein Guthaben von fünf P.I.T.A. Tickets haben. Kleine Gefallen sind unter Kollegen und Freunden meist kostenlos, aber mit steigender Anzahl dieser kleinen Gefallen, oder wenn der Aufwand doch größer wird, erreicht man den Punkt, an dem man für sein Gegenüber zum Pain-In-The-Ass wird. Und das kostet.

Zurück zu unserem Beispiel: Linda möchte also das Fass aufmachen, dass aus ihrer Sicht ein Mail nicht höflich genug formuliert ist. Dass ich mich mit solchen Dingen beschäftigen muss, ist für mich ein Pain-In-The-Ass, besonders da wir zu diesem Zeitpunkt deutlich wichtigere Probleme zu lösen hätten. Auch wenn ich mich mit Linda gut verstehe, verbraucht sie dieses Mal eines ihrer fünf P.I.T.A. Tickets bei mir, besonders weil es nicht das erste Mal ist, dass sie meine Energie und Zeit auf Nebenschauplätzen bindet. Hinzu kommt, dass auch die Verfasserin des Mails, die noch nichts von ihrem Glück weiß, sich bald mit diesem Thema herumschlagen muss. Ein Anruf vom HR Director, ein Meeting oder zumindest ein Telefonat, um „ein Problem“ zu besprechen, ist etwas, das in der Regel wenig Freude bereitet und schnell zum P.I.T.A. wird. Kostet es Linda bei mir nur ein P.I.T.A. Ticket, da wir uns gut verstehen, so ist der Preis bei meiner Kollegin in der Zentrale leider höher, da die zwei eine weniger gute Beziehung zueinander pflegen.

Die Beziehung zwischen zwei Menschen definiert den Preis, der für einen Pain-In-The-Ass zu begleichen ist. Das deckt sich auch mit dem 2. Axiom von Paul Watzlawick: „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt.“ Wir ändern dieses Axiom ab, indem wir das Wort „Kommunikation“ mit „Interaktion“ tauschen und fokussieren auf den Beziehungsteil. Das erste Buff’sche Axiom lautet daher:
„Jede Interaktion hat einen Beziehungsaspekt.“

Je besser die Beziehung zwischen zwei Menschen, desto günstiger der Pain-In-The-Ass-Preis, umso weniger Tickets sind zu beziehen.

Sind alle fünf P.I.T.A. Tickets aufgebraucht, beginnt sich die Beziehung zu verschlechtern. Bad News!

Ist der Punkt erreicht, an dem man die P.I.T.A. Tickets mit einer Person aufgebraucht hat, entsteht ein Konflikt. Obwohl Konflikte, sowohl im Berufs- als auch im Privatleben, manchmal unvermeidbar sind, können sie unter Umständen auch positive Auswirkungen haben. Dafür ist die Beziehung der beteiligten Personen ausschlaggebend. Von ihr hängt es ab, ob der Konflikt positive- oder nur negative Effekte erzielt.

Ein Umstand, der oft unterschätzt wird: Ein Konflikt mit einer Person führt unweigerlich zu Kollateralschäden und breitet sich auf Personen aus, die mit dem ursprünglichen Konflikt eigentlich gar nichts zu tun hatten. Folgen wir der Eskalationsstufentheorie von Friedrich Glasl, weitet sich ein Konflikt ab Stufe 4, der ‚Koalitionsbildung‘, unvermeidlich auch auf das Umfeld aus.

Hat man mit einer Person alle P.I.T.A. Tickets aufgebraucht und es baut sich ein Konflikt auf, der die vierte Stufe „Koalitionsbildung“ erreicht, dann beginnt dieser Konflikt, P.I.T.A. Tickets bei eigentlich unbeteiligten Personen zu konsumieren. Ohne, dass man sich dessen selbst bewusst ist, bezahlt man einen immer höheren Preis bei einem immer größeren Umfeld. Das zu begreifen ist deshalb so wichtig, weil sich der Konflikt aufgrund der Koalitionsbildung multipliziert. Die negativen Auswirkungen dieses Phänomens wiegen deutlich schwerer, als es uns im ersten Moment vielleicht bewusst ist. Denn sind alle P.I.T.A. Tickets auch beim Umfeld der Konfliktparteien aufgebraucht, entstehen neue Konflikte und der Teufelskreis setzt sich fort.

Die Entscheidung, ob es ein „Pain In The Ass“ wirklich wert ist, ein Ticket dafür zu konsumieren, sollte also immer unter Berücksichtigung der persönlichen Beziehung zum Gegenüber und der vorangegangenen P.I.T.A.s getroffen werden, da die Tragweite der Konsequenzen unterschätzt werden kann.

Die gute Nachricht ist, dass sich P.I.T.A. Tickets mit der Zeit regenerieren. Entsprechend unserer Beziehungs- und Preisgrafik befindet man sich zwischenzeitlich aber vielleicht schon an einem Punkt auf der Kurve, an dem der Preis höher ist und es entsprechend länger dauert, bis man wieder genügend P.I.T.A. Tickets hat, um sich einen Pain-In-The-Ass  leisten zu können.

Manchmal ist es notwendig, ein P.I.T.A. Ticket zu verbrauchen, um ein wichtiges Anliegen zu klären. Wichtig ist, dass man sich bewusst ist, wann es sich lohnt ein Ticket zu investieren und wann nicht.

Zusammengefasst kann man festhalten, dass die Metapher der P.I.T.A. Tickets ein nützliches Werkzeug sein kann, um die Dynamik zwischenmenschlicher Beziehungen greifbarer zu machen. Sie erinnert uns daran, dass unsere Interaktionen mit anderen Konsequenzen haben und dass wir verantwortungsvoll mit unseren Beziehungen umgehen müssen. Indem wir unsere P.I.T.A. Tickets bewusst und strategisch einsetzen, reduzieren wir Konflikte und stellen sicher, dass diese keine Kollateralschäden bei einem größeren Umfeld verursachen.

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